Die Apotheke

 

 

Preisfrage: Was passiert, wenn man mit einem Kind in den Spielwarenladen geht?

 

„MAAAMIII! BÜÜÜÜÜTTE! DAS WÜNSCH ICH MIR SCHON SOOO LAAAANGE!“

 

Ja, genau seit einer Minute! Denken Sie als Mutter dann genervt, versuchen das schreiende Etwas (das auf keinen Fall zu Ihnen gehört) zu ignorieren.

 

„ICH WILL DAS JETZT!“

 

Mal den entrüsteten Blick testen, ob denn die Mutter von dem verzogenen Balg denn nirgendwo ist (Balg gehört noch immer nicht zu uns).

 

„BUHHHUUUU! DU BIST SOOOO GEMEIN!“

 

Verzogener Balg wälzt sich ungezogen auf dem Boden, reisst noch ein paar hübsch aufgestapelte Playmobil-Schachteln zu Boden und zieht viele viele Blicke auf sich.

 

Ja, was bleibt uns geplagten Mütter denn übrig als Gott ergeben zu seufzen und uns dem Schicksal zu ergeben? uns zu outen, dass der verzogene Balg zu uns gehört? Und den man lediglich mit dem Polizeigriff ins Auto verfrachten kann und dankbar für die getönten Scheiben ist, damit niemand Zeuge wird, wie wir den Balg in seinen Autositz drücken, Drohungen zischen und uns wiederholt schwören

 

NIE, NIE NIE NIE NIE WIEDER

 

einen Spielwarenladen in Begleitung unserer Kinder zu unternehmen.

 

NIE NIE NIE NIE NIE NIE NIE NIE NIE NIE NIE NIE NIE NIE NIE NIE NIE WIEDER!

 

Nun durfte ich die Erfahrung machen, dass sich dieser will-ich-sofort-haben Virus auch in anderen Läden ausbreiten kann:

 

  • Coop
  • Kleintierhandlung
  • Süsswarengeschäft

 

Wer aber, bitte schön, rechnet mit so einem Zwergen, oder, böse gesagt, Gnom-Aufstand in einer Apotheke?

 

HA! JA MOI AUCH NICHT!

 

Bis zu dem Tag. Graue Nebelschwaden zogen durchs Lande, Nieselregen trübte die Sicht, ein krankes Kleinkind, das auf den Namen Luca hört, musste sich beim Onkel Doktor auf den Schragen legen – und bekam einen voll ausgefüllten Rezeptzettel. (Für den ich, ehrlich gesagt, äusserst dankbar war, denn letzte Nacht  musste ich dreimal die Bettwäsche wechseln, weil sich der Patient übergeben musste, da genannter Patient partout keine Tropfen gegen den Reizhusten nehmen wollte…)

 

Vor der Apotheke:

 

Moi - entschieden: „Ich komm gleich wieder.“

 

Kinder - flehentlich: „Mitkommen! Mitkommen!“

 

Moi - widerwillig: „Na gut. Aber benehmt euch. Verstanden?“ Woher mag dieses tief verankerte Misstrauen dem eigenen Nachwuchs, dem eigen Fleisch und Blut gegenüber nur kommen…?

 

Die Liste auf dem Rezeptzettel ist lang, die Apothekerin noch keine Apothekerin und erst kurz angestellt, was heisst, dass es ein bisschen länger dauert, bis sie sämtliche Arzneimittel beisammen hat.

 

Würde mich ja grundsätzlich nicht stören – wären da nicht so kleine Menschen, in meinem Fall der kranke Luca, seine Zwillingsschwester Lotta und ein mürrischer Elfjähriger, der lieber mit seinen Freunden Geheimagenten spielen wollte als den „kleinen Kotzbrocken“ zu begleiten und der auf den Namen Jamie hört. Doch wie durch ein Wunder! War Agent 000 nicht mehr mürrisch; weil er ein SUPERTOLLES Teil entdeckt hatte.

 

EINE GREIFHILFE

 

EINE GREIFHILFE?

 

„Mami schau mal! Das ist so was von geil!“ Er schnappte mit dem Teil vor meiner Nase herum und versuchte dann, eine Packung Pflaster von einem der oberen Regale runter zu holen. Mit dem „geilen“ Greifarm, den man total cool als Geheimagent brauchen kann (Hallo? James Bond mit Greifarm? Also, wenn das ein Übername für die Pistole oder seinen Penis wäre - aber ein Arthritis gegrämter Daniel Craig? Mit Greifarm in seiner sexy hexy Badehose? Ha ha ha) Die Greifarm-Einlage funktionierte leider leider noch nicht fehlerfrei und eine ganze Wagenladung Pflasterpackungen fiel runter. Zu meinem Entsetzen und zu Lottas Freude, die sich gleich zehn Packungen mit Lilly Fee und Winnie Puhh krallte und mir auf die Ladentheke knallte.

 

„Will ich alle haben!“  beängstigender Ton, das sag ich Ihnen! Kenn ich nur von mir, wenn ich bei Gucci oder Jimmy Choo die Kontrolle verliere – äh, oder wenn ich davon träume, dass ich die Kontrolle verlieren könnte. (Huhu - Mach mir ja selber Angst)

 

„Nein, Schätzchen, ich habe noch genügend Pflaster, die brauchen wir nicht.“

(Auch diesen Satz murmle ich bei Gucci und Jimmy Choo und im Grunde ist es wohl nur eine Frage der Zeit bis mal jemand die Psychiatrie anruft. Hm. Die Angst wird immer grösser…) und immerhin, DAS muss ich mir also zugute halten: Moi wirft sich nicht auf den Boden und kreischt alle neu erlernten Schimpfwörter und wirft mit den Schachteln um sich. (Hm. Oder?)

 

DRAMAQUEEN LOTTA SCHON

 

Die wälzt sich in den Pflasterschachteln wie unser verstorbener Cockerspaniel sich in der Kuhscheisse wälzte und das findet der Patient Luca so lustig, dass er wie ein Verrückter lacht, wieder einen Hustenanfall bekommt und sich, wie letzte Nacht, übergeben muss. Über die Pflasterschachteln. Die ich bezahlen muss.

 

DAS PROGRAMM IST NICHT GEEIGNET FÜR ALLE DIE GERADE IN DER KINDER-PLANUNGS-PHASE SIND

 

Als ich irgendwann im Auto sitze, das Lenkrad so fest umklammert halte, dass die Knöchel weiss hervor treten, den Blick starr und leer wie ein Fisch nach vorne richte und mein Hirn krampfhaft nach einem schönen, kinderlosen Erlebnis forscht, schreit die Gesellschaft auf den billigen Plätzen, dass sie bald wieder in eine Apotheke wollen. Jamie schlägt vor, die Greifhilfe Papa zu schenken, der sei doch schon alt und sowieso und überhaupt, wünscht er sich die Greifhilfe zu Weihnachten weil das könne er als Geheimagent doch SUPER gebrauchen und-

 

HÖRT MICH WOHL JEMAND, WENN ICH SCHREIE?

 

AHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHH!

 

Hm. Ob ich Valium ohne Rezept bekomme? Oder Opium?

 

Liebe Grüsse

 

Ihre Jessica Schweizer