Oktober 08
Familie Schweizer
Bastlerfreuden – und Leiden
Fassungslos stehe ich vor den Trümmern. Nein, nicht meiner Ehe –
VIEL SCHLIMMER!
Vor den Trümmern meiner selbst gebastelten, gezimmerten und genagelten Kinderspielküche und fassungslos ist noch ein harmloser Ausdruck für die gewaltige Gefühlswelle, die mich an die scharfen und kantigen Klippen meines Bastler-Stolzes schleudert. Das wäre wohl die perfekte Welle für Patrick Swayze in diesem Surferfilm gewesen – aber weit und breit kein Patrick Swayze in Sicht, der mit mir darauf reiten könnte.
HALLO!
Ich meine die Welle reiten – mit einem Surfbrett! How ever, im Surfen kenne ich mich ja nicht wirklich aus und als ich es in den letzten Sommerferien einmal ausprobiert habe (immerhin trug ich einen meeega schönen – und teuren – Bikini von Pucci, der den Busen soo hoch pushte und soo gross machte - alleine diese Tatsache relativierte den Preis wieder... - , dass mir nur das rote Baywatchrettungsding gefehlt hat – und vielleicht die Ausdauer, am Strand zu joggen – und vielleicht noch das Rettungsschwimmerbrevet - aber egal), musste ich mit einer blutigen Nase und einer riesigen Beule aus dem Wasser gefischt werden. Immerhin von diesem süssen Surferboy mit den schönen Meer-vor-Gewitter-blauen Augen und einem mega smile (wie ich zufällig registriert habe). Hab mir da echt für einen kurzen Moment überlegt, die Luft anzuhalten. Sie wissen schon: Mund zu Mundbeatmung und so. Doch etwas Entscheidendes kam dazwischen:
MEIN EHEMANN...
Nun, ich hatte auch keine Ahnung vom Kinderküchenbauen und mit der Anleitung von einer Eltern-Leserin (ha ha! Die Anleitung war bestimmt von ihrem Mann, der Schreiner ist!) für eine Kinderküche bin ich nicht wirklich klar gekommen. Vielleicht hat es auch daran gelegen, dass ich im Bau und Hobby nicht wirklich die Muse hatte, den Haufen Material zusammen zu SUCHEN – und das hätte ich gemusst, denn wenn ich endlich eine Fachperson erspähte, war die – WUSCH – wie von Zauberhand wieder verschwunden. Dass Lotta und Luca alle aufgerollten Seile durch den halben Markt gezogen haben, trug ebenfalls nicht zu meiner Ausdauer bei. Immerhin stand DANN endlich eine Fachperson auf der Matte – und der vielsagende (vernichtende) Blick konnte mir nichts anhaben. Fast nichts, denn es wäre ja unverschämt, wenn man sich nicht wenigstens ein kleines bisschen für das ungezogene Verhalten seiner Kinder schämen würde. Als Mutter ist das Schämen sowieso ein Dauerzustand und ich habe immer das Gefühl, dass man stets nur meine Kinder hört
UND LEIDER AUCH SIEHT...
Ich murmelte also eine Entschuldigung und entfernte mich schleunigst und möglichst unauffällig vom Tatort – mit zwei aufgedrehten Zwillingen im Schlepptau, die überall ein Lättchen rauszogen; von den Sägen und Hämmern ganz zu schweigen – soviel zum unauffällig. Selber schuld wenn man die lieben Kleinen mit nimmt auch wenn man from the bottom of the heart genau weiss, wie es ausgehen wird…
ABER EGAL
Auf jeden Fall habe ich mir die Küche mit eigener Fantasievorstellung (und die ist bei mir mitunter sehr ausgeprägt – und das nicht nur um Kinderküchen zu zimmern…) zusammengetragen und dass ich jeden zweiten Tag wieder durch die Regale hetzte um doch ein anderes Lättlein, Schräubchen oder eine Säge zu besorgen, will unerwähnt bleiben. Immerhin konnte ich meine beiden Wilden zweimal bei meiner netten Nachbarin lassen und habe andere Mütter mit ihren Kindern schimpfen hören.
DAS WAR BALSAM AUF MEINER GESCHUNDENEN MUTTERSEELE
Um mit dieser Streicheleinheit gleichziehen zu können, muss sich mein Göttergatte schon etwas Aussergewöhnliches einfallen lassen (Ring von Tiffany, hundert rote Rosen, ein romantisches Wochenende am Gomer See – selbstredend in Gesellschaft von George Clooney und Co. ) Nun, bis jetzt liegen die Rosen vorne und hundert waren es auch nicht, sondern eher so gegen drei – oder war es nur eine?
HMHMM
Auf jeden Fall habe ich es tatsächlich geschafft, eine hübsche Küche zu zimmern und als ich mit stolz geschwellter Brust und im Schweisse meines Angesichts mein Werk betrachtete, war das in etwa so, als hätte ich auf der perfekten Welle geritten, nach etlichen Versuchen und langem Warten.
Es gibt einen Herd mit vier Platten, einen Ofen mit Fenster, einen Wasserhahn, Haken, einen Spritzschutz, Regal, Kistchen und eine Lichterkette. Ha! Sogar die Farbe habe ich auf unsere Küche abgestimmt! Das einzige, das ich (bewusst!) weggelassen habe, war ein Spülbecken. Ich hatte nämlich schon eine Vision von einem Zwillingspärchen (die ungenannt bleiben wollen), die das Becken voll Wasser füllen und am Schluss das halbe oder auch ganze Wohnzimmer unter Wasser setzen, moi würde sich auf allen vieren und einem Haufen Lappen durch die Flut kämpfen und schimpfen wie ein Rohrspatz und der Angetraute würde mir am Abend unter die Nase reiben, dass ich halt strenger
BLA BLA BLA
hätte sein müssen. Selbst schon bei dem Gedanken an dieses unschöne Szenario habe ich eine Gänsehaut bekommen und die Haare sind mir zu Berge gestanden. Also, Becken weggelassen, Kinder hatten trotzdem Freude. Sehr grosse sogar und ich habe mir im Geist bereits ausgemalt, was ich noch alles basteln könnte.
Tja, leider ist es wohl nicht zu vermeiden, dass jeder Gegenstand einmal zum Überdruss wird (soll ja sogar unter Partnern vorkommen!) und man (Kind) es umfunktioniert. Eigentlich ist der Fantasiesinn ja löblich und dass Kinder mit einer simplen Kartonkiste und einem Holzstecken durch die sieben Weltmeere segeln und armen, wehrlosen Frauen die geliebte Kinderschokolade ausreissen können, ist wahrlich lobenswert, aber wenn der (nicht allzu grosse) Ofen einer Kinderspielküche zum Kajütenbett umfunktioniert und die (nicht sehr stabile) Türe zum Hocker wird, dann ist fertig lustig! Vor allem wenn ich diese Küche gezimmert habe! Lotta und Luca sind natürlich auf geeenau diese Idee gekommen und es dauerte nicht lange, bis das Holz höhnisch splitterte, das Türchen herausriss und das Ganze nun nicht mehr allzu schön anzuschauen ist.
Noch immer stehe ich davor, friere, weil es im Oktober saukalt und die Heizung (die mein Göttergatte versucht hat, anzustellen…) nicht an ist und das bestellte Holz zum Cheminée heizen erst nächste Woche kommt, und kann mich nicht entscheiden ob ich brüllen oder einfach gehen soll. Immerhin glitzern ein paar Tränchen in den Augen beiden Übeltäter.
„Jetzt ist es kein Bett mehr!“ motzt dann schon der Kleine los und ich glaube, nicht richtig gehört zu haben. Gerade als ich Luft holen und loslegen will, gesellt sich Sue zu mir, lässt ihren Schulrucksack achtlos auf den Boden plumpsen, sieht sich die Bescherung gelassen an und meint dann lapidar: „Endlich ist dass olle Ding kaputt und wir haben Platz für meine Orgel.“
Noch während ich überlege, ob ich im falschen Film bin (und darin weder Jake noch Ashton mitspielen) legt jemand (weder Jake noch Ashton, sondern Paul) den Arm um mich und seufzt: „Sie es mal positiv: Jetzt können wir das Cheminée doch noch heizen und müssen nicht die ganze Nacht frieren – und das nur dank deiner Küche!“
ARRGH!!!!!!!! (Ich hätte beim letzten Urlaub doch die Luft anhalten sollen!)
Liebe Grüsse
Ihre Jessica Schweizer
Noch mit Türe (hat ungefähr eine Woche gehalten - Chaos rund herum - Dauerzustand...)
OHNE Worte...
Türe fehlt...(Küche wird nach 2 Jahren aber immer noch benutzt...)