Aug 08


Familie Schweizer


  Die Geburtstagsparty 

 

Ich blinzle, schließe die Augen aber sofort wieder. Ich habe gestern Abend vergessen, die Läden zu schließen und jetzt scheint die Sonne g-n-a-d-e-n-l-o-s in unser Schlafzimmer.

 

ARRGH!

 

Das Wetter gefällt sich ja zurzeit wahnsinnig in seiner Hochsommerrolle – ausgenommen gestern, natürlich. Da ist es seit vier Wochen – Sie haben richtig verstanden – seit vier Wochen herrlichstes Sommerwetter und ausgerechnet gestern mußte uns laut Meteo ein Tief streifen! Und wie es uns gestreift hat. Wie die Titanic den Eisberg - und die Folgen waren fast so verheerend. Gut, gestorben ist wenigstens niemand – außer ich bin im Himmel und habe es noch nicht bemerkt. Wäre durchaus denkbar!

Sie kennen doch bestimmt den Film Rambo, oder? Mögen Sie nicht so, weil er so brutal ist? Wenn Sie zu dieser Gruppe gehören, rate ich Ihnen:

  

NIE, WIRKLICH NIE

 

eine Kindergeburtstagsparty auszurichten. Denn dagegen ist Rambo die Gute Nacht Geschichte, ein Beckenrandschwimmerfilm, ein Witz!

Ich habe Ihnen ja schon erzählt, dass mein Sohn Jamie Geburtstag hatte und wir ein paar Gspänli eingeladen haben.

Paul und ich haben uns gedacht, so eine Verkleidungsparty wäre eine nette Abwechslung und Jamie wählte das Thema „Winnetou“. Jedes Kind und alle Erwachsenen (Paul und ich), sollten als Indianer verkleidet kommen. Ich habe mir ausgemalt, dass wir im Garten ein paar Ballspiele, Seilziehen, verstecken und blinde Kuh spielen könnten, Paul den Grill einheizen und ein paar Klöpfer grillen würde und irgendwann würde ich die Geburtstagstorte mit zehn brennenden Kerzen darauf, von einem fröhlichen Happy Birthday begleitet, auftischen. Die Kinder würden müde und zufrieden von ihren Eltern abgeholt und mein Mann und ich könnten uns noch ein Gläschen Wein gönnen.

So habe ich mir das vorgestellt –

 

NICHT ABER DIE KINDER…

 

Dann hat es ja geregnet. Nicht nur ein bißchen, nein, wo denken Sie hin! Es hat gegossen wie aus Kübeln (Bucheli hatte Recht behalten – leider!) und Paul und ich mußten im Wohnzimmer alle Möbel zur Seite schieben, um genügend Platz für die Kinder zu schaffen. Im Nachhinein hätte ich auch den weissen Berber (der seit der pinken Zahnpastaattacke nicht mehr gaaanz so weiss ist…) in die hinterste Ecke des Wohnzimmers geschoben, aber im Nachhinein ist man ja immer gescheiter.

Auf alle Fälle ist am Samstagnachmittag ein Indianer nach dem anderen eingetrudelt und die Eltern bedankten sich für die Einladung und versprachen, ihre Kleinen um sechs Uhr wieder zu holen. „Nur keine Eile!“ habe ich noch hinter ihnen her gerufen. Wie habe ich diese drei Worte doch bereut!

 

AHHH!!!!

 

Inklusive meiner vier Kinder waren es fünfzehn halbwüchsige Indianer. Ich begrüßte die ausgelassene Bande, obwohl ich mir das hätte sparen können, da man mir sowieso kein Gehör schenkte. Es gab wichtigeres zu tun, als einer alten Frau (und das bin ich in ihren Augen, da sie mir den Indianernamen „Methusalemine“ gaben. Dass dieser Name eher zu Asterix und Obelix gehörte, störte die Kleinen in keiner Weise). Ein wunderfitziger kleiner Bengel mit roten Haaren und unzähligen Sommersprossen hatte schon nach meinem: „Hallo, liebe Indianer“, seinen ganzen Kopf in der Pommes Chips Schale vergraben und zwei andere Jungs fesselten ein Mädchen mit Pausbäckchen und schwarzen Zöpfen mit dem Seil, das fürs Seilziehen vorgesehen war, an einen Stuhl. Jamie rannte in seinem schicken Indianerkostüm (das Oma Grete genäht hat) und seinem Gummibeil hinter einem anderen Mädchen in Jutensack und Hühnerfedern auf dem Kopf her und Sue demonstrierte, wie man eine Schlange im wilden Westen gefangen hatte. Ja, Sie haben es erraten, die Schlange war auch vorhanden.

Während ich um Schadensbegrenzung bemüht war und schon verschiedene nasse Lappen meinen Berber schmückten, gefiel sich mein Mann als weiser Häuptling – denn diesen Name hatten die Kinder ihm gegeben.

 

UND ICH WAR METHUSALEMINE!

 

Er initierte einen Indianer-Tanzwettkampf bei dem man um einen improvisierten Marterpfahl herumhüpfen mußte und ich sollte dann entscheiden, wer der beste Indianer sei. Es war ja richtig lustig, die tanzenden und johlenden Kinder zu beobachten – bis zu dem Moment, als ein besonders eifriger Indianer in die Stereoanlage hineintanzte – natürlich niemand geringeres als der weise Mann!

Ich gab auf. Ich versuchte einfach nur noch, dass der Traubensaft nicht die beige Polstergruppe zierte und keiner der kleinen Indianer sein Leben lassen mußte. Bis gestern wußte ich auch noch nicht, dass sich das Versteckspiel zu einem Horror jeder Mutter entpuppen konnte.

Um auch ja nicht gefunden zu werden, krochen die kleinen Wilden in jedes und auf jedes erdenkliche Möbelstück und ich weiß noch immer nicht, wie eines der Kinder auf den hohen Schrank im Wohnzimmer gekommen ist. Runter kam es auf alle Fälle nicht mehr alleine und der Rest der ausgelassenen Horde tanzte vor dem Schrank herum und tat, als sei der kleine Indianer da oben eine Opfergabe. Zum Glück habe ich alle Streichhölzer versteckt. Die wären doch glatt noch auf die Idee gekommen, den Schrank anzuzünden um die Szene so real wie möglich zu gestalten.

Bei den leicht schwarzen Klöpfer, die der weise Indianer gegrillt hatte, handelte es sich selbstredend um Echsen und Schlangen. Nur schon bei dem Gedanken verabschiedeten sich meine Eingeweide wieder einmal und ich lehnte den gegrillten Skorpion, den mir der weise Indianer grinsend anbot, dankend ab und begnügte mich mit einem Stück Brot (das durfte sich weiterhin Brot nennen).

Meine Schokoladentorte war ein voller Erfolg und vermutlich werde ich noch in zehn Jahren Krümel und Schokospuren in einer Ecke oder auf einem Möbel finden.

Um sechs war ich halb tot und aus meiner Perücke standen die Haare ab und mein Lederrock sah aus, als hätte ich ein Huhn geschlachtet (Ketchup sei Dank...). Immer wieder warf ich der Uhr flehentliche Blicke zu und als es um zwanzig nach sechs das erste Mal an der Tür läutete, wäre ich vor Glück beinahe explodiert.

 

DIE ERSTEN ELTERN! EIN INDIANER WENIGER!

 

Von Müdigkeit war bei den Nachwuchsrothäuten nichts zu spüren und es dauerte bis halb acht, bis alle verschwunden waren. Schade, dass niemand meine Kinder mitgenommen hatte...

Der weise Indianer hing in der Polstergruppe und seine Augen leuchteten. Jamie hatte sich zu ihm gekuschelt und Sue befreite Lotta von ihrem Tripp Trapp an den sie im Laufe des Abends gefesselt worden war. Sie weinte zum Glück nicht und Ich hatte das Gefühl, dass sie stolz darauf war, dass sie hatte mitspielen dürfen. Dass ihr die Rolle des Opfers zugedachte worden war, schien sie nicht weiter zu stören. Tapferes Kind.

 

KOMMT GANZ NACH DER MUTTER

 

Ich seufzte und aus dem ursprünglich ersehnten Glas Wein wurde ein Gin Tonic. Viel Gin mit ein bisschen Tonic...

Jetzt liege ich im Bett und drückte mein Gesicht in die Kissen. „Sonne, wo warst du gestern, du Verräterin?“

Ich schwöre mir, dass ich drei Mal eine Geburtstagsparty ausgerichtet hatte. Das erste mal, das letzte mal und einmal wirklich. Kaum bin ich wieder eingenickt, kommen auch schon Jamie, Luca und Lotta in unser Zimmer und hüpfen auf unser Bett. Ich krähe ein heiseres: „Nicht hüpfen“, aber mehr bringe ich nicht zustande, denn dafür bin ich viel zu müde. Nach zehn Minuten kommt auch noch Sue und die Kinder liefern sich mit ihrem Vater eine heiße Kissenschlacht. Da man bei dem Radau unmöglich schlafen kann, beteilige ich mich auch daran und klopfe Paul das Kissen gleich mehrmals auf den Kopf und rufe: „Für die Stereoanlage! Für meinen Lieblingssessel und für den Skorpion!“ Er lacht und nimmt mich in den Arm. „Du hast dich gut gehalten als Indianer Mama. Du bist eben meine Methusalemine“, lobt er mich und ich grinse.

„Mami, Mami, darf ich auch so eine Party machen?“ will Lotta flehend wissen.

„Wenn das Thema Mikado ist und der, der sich als erstes bewegt nach Hause gehen muß – ja, dann können wir noch mal darüber reden.“

„Au fein!“ ruft sie und fällt mir um den Hals. Ich lächle. „Na ja, vielleicht können wir auch ein anderes Thema nehmen“, murmle ich kühn und küsse sie auf den Kopf.

Ich hab ja gesagt, ich bin viel zu gutmütig...

 

 

Liebe (und vor allem müde) Grüsse

 

Ihre Jessica Schweizer