Sept 08

 

Familie Schweizer 


Lebensmüde

 

 Es gibt Zeiten als Mutter, da dürfen wir die Erfahrung machen, dass alles in geordneten Bahnen verläuft. Die Kinder sind (ziemlich) brav, sagen an der Wursttheke anständig danke (anstelle die Augen gegen Himmel zu verdrehen und irgendwelche unverständlichen Grunzlaute von sich zu geben um sich dann die Scheibe Wurst unappetitlich in den Mund zu stopfen), grüssen Besucher (anstatt sich demonstrativ umzudrehen oder ohne ein Wort des Grusses wegzurennen – nicht ohne vorher gierig nach dem mitgebrachten Überraschungsei zu grapschen), sie bleiben am Tisch sitzen (ohne den vollen Teller Pasta "mit ohne" Sauce auf den Boden zu knallen, die Apfelschorle auszuleeren und das Besteck anstelle der blossen Hände zu benutzen) und sie machen (ziemlich) das, was man von ihnen verlangt. Das ist natürlich ein weiter Begriff – das weiss jede Mutter, die bei diesem Satz wohl nur müde lächeln wird – abgesehen von den super super Muttis, die immer alles und jedes Kind voll im Griff haben. Aber die gibt es ja in der Regel nur vor Geburt des ersten Kindes, als man noch an die sieben Zwerge und daran glaubte, dass das eigene Kind NIE zu diesen lauten, im Coop herumtobenden, sich vor dem Süssigkeitenstand wälzenden und mit der Sandschaufel um sich schlagenden Goofen gehören wird. Nun ja, ich durfte also letzte Woche in den Genuss eines folgsamen Nachwuchses kommen.

Dann werden wir Mütter übermütig. Glauben, dass unsere Erziehung endlich Früchte trägt, sich die ganze Arbeit und sich den Mund fusselig reden, gelohnt hat und die schönen Kleider aussortierenden und die Heiserkeitstage vor lauter brüllen, endlich vorbei sind.

 

Ich sage nur:

 

ÜBERMUT TUT SELTEN GUT

 

Alles fängt ganz harmlos an. Die Schulferien haben begonnen, mein Mann Paul ging wie üblich zeitig aus dem Haus, die Kinder waren alle früh wach und bei einem gemütlichen Frühstück bei dem ausnahmsweise nicht jeder genau die Corn Flakes sofort wollte, die der andere gerade in der Hand hielt und die Tassen sich nicht über den Tisch entleerten. Also fasste ich den Entschluss, gemeinsam mit vier Kindern in die Stadt zu fahren!

 

SIE MÜSSEN GAR NICHT SO NACHSICHTIG LÄCHELN ODER GAR LACHEN!

 

Vielleicht bin ich naiv. Aber Hallo?

 

I HAVE A DREAM…(sagte schon Martin Luther King, also)

 

Den wird mir niemand nehmen. Noch nicht auf jeden Fall. Wenn sich die Kleinen mit dreissig immer noch daneben benehmen und sich die Schokolade und den Rotz im Gesicht verschmieren, dann überleg ich’s mir noch einmal und wechsle den Traum. Vermutlich ist es ohnehin realistischer, sich ein Date mit Jake Gyllenhal zu wünschen, als dass sich unsere Brut zur richtigen Zeit am richtigen Ort (Coop, Optiker, Kirche wegen Hochzeit) anständig aufführt.

 

Frohgemut packe ich also die Zwillinge in ihre Autositze und Jamie und Sue setzen sich auf ihre Plätze. Ich gebe zu, dass Sue nicht mehr als Kleinkind durchgeht und dementsprechend weit weniger laut ist – dafür umso launischer – und das kann mitunter genauso nervig sein. Also holen wir noch ihre Freundin Nelly ab – und dann geht das Gekicher los. Würde mich ja nicht weiter stören, wenn nicht Jamie ständig irgendwelche blöden Bemerkungen anbringen würde und Sue anfängt zu kreischen er solle seine dämliche Klappe halten, was Jamie natürlich lustig findet, ebenfalls anfängt zu kreischen und die beiden Jüngsten damit ansteckt. Mein

 

RUHE!!!

 

Geht natürlich sang und klanglos unter. Das Radio muss ich gar nicht erst anstellen. (oder höchstens für mich Green Day mit dem Song: „Boulevard of broken dreams" - betonung auf broken…). Ich bete einfach, dass mir bis am Ziel nicht das Trommelfell geplatzt ist – was mich nicht verwundern würde. Sie können sich vorstellen, dass ich an diesem Punkt bereits meine positiven Gedanken und den Glauben an die braven Kinder zu hinterfragen beginne. Noch könnte ich einfach umdrehen, aber ich will nicht. Ich habe nämlich dieses wunderschöne und ausserdem um fünfzig Prozent reduzierte Paar Jimmy Choo Stiefel in hellem Wildleder gesehen. Noch nie zuvor sind mir so herrliche Schuhe untergekommen – und auch wenn ich eine Mutter bin – ich bin immer noch eine Frau! Selbst herabgesetzt haben sie einen stolzen Preis, aber ich habe darauf gespart und somit kann Paul dann auch nicht los mosern von wegen Geld aus dem Fenster werfen und so weiter und so fort (wenn Sie wissen was ich meine…).

Kaum sind wir im Parkhaus, befällt die Kinderbande ein Eigenleben, das mir gar nicht in den Kram passt. Der eine will sofort los rennen und Ticket lösen, der andere ist begeistert von einem monströsen Hummer (und fleht mich an, Paps davon zu überzeugen, dass das unser nächstes Familienauto wird – wir fahren einen in die Jahre gekommen Sharan und einen Smart fortwo – mehr muss ich dazu wohl nicht sagen). Sue und Nelly rufen mir noch zu, dass sie im Espresso (ein Café) sind und nur Lotta bleibt brav bei mir stehen – aber nur aus dem Grund, weil sie weiss, dass ich das honorieren werde. Diese Kids sind schon so abgebrüht, man glaubt es kaum!

Nachdem Luca das Ticket ziehen durfte und ich Jamie den Vorschlag unterbreitet habe, dass er Papa den Vorschlag von einem Hummerkauf persönlich unterbreitet, ziehen wir Richtung Schuhgeschäft los. Zum Glück ist es nicht allzu weit.

 

ANSONSTEN WÄREN WIR HEUTE NOCH UNTERWEGS…

 

Da ein Vögelchen (schau Mami! Warum sitzt der da? Warum fliegt er nicht weg? Warum ist er faul / traurig / müde?), da ein Tram, da ein Porsche (Wow! So krass! Kaufen wir uns auch so einen?). Ich liebe meine Kinder über alles. Wirklich. Aber jetzt will ich nur zu dem Schuhgeschäft und meine herabgesetzten Jimmy Choos kaufen! Auf halber Strecke fängt es an zu regnen. Natürlich habe ich einen Regenschirm dabei.

 

IM AUTO

 

Umdrehen? Niemals! Sonst schnappt mir noch irgendeine dahergelaufene Schnepfe die Schuhe weg.

Immerhin geben die Kinder etwas Gas. Aber nicht, weil es regnet, sondern weil da vorne ihre Lieblingsbäckerei mit den besten Schoggiweggli ist. Als endlich alle ein Weggli in den Händen halten und es für fünf Minuten ruhig sein wird, betreten wir den heiligen Laden.

 

DORT STEHEN SIE!!!

 

Aber gerade als ich mich ehrfürchtig nähern will, grapscht eine andere Kundin danach und mir bleibt fast das Herz stehen.

 

DAS SIND MEINE!

 

Will ich schreien. Tu ich aber nicht, denn mit drei Kindern in einem teuren Schuhgeschäft wird man ohnehin schon misstrauisch beäugt und womöglich als unzurechnungsfähig eingestuft. Ich klatsche mir also ein gelangweiltes, aber interessiertes Gesicht auf, begutachte dort ein paar Schuhe, nehme ein anderes Paar in die Hand und verfolge aus den Augenwinkeln was die Trulla (sie hat karottenrote Haare und eine Dauerwelle! Die Frau lebt eindeutig nicht mit der Mode - also was will die mit solchen Stiefeln?!), mit meinen Schuhen macht. Vielleicht hätte ich besser meine Kinder beobachtet, denn die lieben Schuhe (wenn es nicht ihre eigenen sind) und die möglichst über fünfhundert Franken kosten. Lotta stöckelt mit einem paar roten Seidenpumps von Manolo Blahnik umher, Jamie und Luca bewerfen sich mit Schuhstrecker und die Dame im Verkaufskostüm bekommt fast einen Herzanfall. Kann ich ihr nicht einmal verübeln.

Ich spreche ein Machtwort – was soviel bewirkt wie ein einzelner Sandsack wenn der Rhein überläuft und ich beginne zu schwitzen. Alleine sind die Kids kein Problem, aber wenn sie sich gegenseitig einmal angestachelt haben, sind sie nicht mehr zu bremsen. Mein Herz klopft, der Schweiss rinnt. Ich weiss, wenn ich kein Hausverbot riskieren will, muss ich jetzt gehen. Ich nähere mich schon dem Ausgang.

 

ABER DA!

 

Die Dauerwellen-Trulla stellt die Stiefel zurück!

 

DOPPEL HA!!

 

Kommt zu Mama! Ich stürze mich darauf, wie die Kinder auf eine Tafel Kinderschokolade und es ist ein Wettlauf mit der Zeit. Lotta räumt gerade eine andere Schachtel aus, Luca und Jamie haben mit den Schuhstreckern zu fechten begonnen. Eine ältere Dame verlässt mit pikiertem Blick fluchtartig den Laden. Die Dame im Verkaufsoutfit nähert sich mir mit verbissenem Ausdruck im Gesicht, ich ignoriere sie, ziehe den Reissverschluss hoch, da rennt Luca aus dem Laden, Jamie hinterher, Lotta erschrickt, fällt in einen Stapel Schuhkartons, der natürlich umkippt, ich sehe ein Auto, fahre hoch-

 

AUA!!

 

Die Dinger tun weh! Aber egal! Raus aus dem Laden, die Kinder am Kragen gepackt – stehe ich in einer Regenwasserlache – mit einem sündhaft teuren paar Schuhe, das nicht mir gehört und das saumässig schmerzt. Kein Wunder waren die Dinger heruntergesetzt.

Mit meinen Söhnen schimpfend kehre ich in den Laden zurück – wo ich von einer heulenden Lotta und einer sehr sehr böse blickenden Verkäuferin empfangen werde. Natürlich entschuldige ich mich überschwänglich und kaufe die Stiefel. Vermutlich werde ich sie nie anziehen oder ich bewahre sie so lange auf, bis ich wegen Altersschwäche nicht mehr gehen kann und im Rollstuhl sitzen muss.

 

SEUFZ

 

Gerade als wir wieder an die frische Luft treten, hört es auf zu regnen und Sue und Nelly stossen zu uns und Sue ruft: „Och Mami! Da drin habe ich mega coole Jimmy Choo Stiefel gesehen! Um fünfzig Prozent reduziert! Das ist die Chance!“

 

Na ja. Zum Glück habe ich ja eine Tochter im Teenageralter, der ich meine Fehlkäufe andrehen kann und die auch noch Freude daran haben wird…

 

P.S. Brauche jetzt dringend ein Glas Wein oder ein Valium – vielleicht auch beides. Paul kann sich ja am Abend um die Kinder kümmern. Der durfte sich schliesslich den ganzen Tag im Büro ausruhen – körperlich zumindest…

 

Liebe Grüsse

 

Ihre Jessica Schweizer