Familie Schweizer

 

Strandtag

 

Ich liege am Strand. Mein Körper wird von einem Azur blauen Bikini nur an den entscheidenden Stellen knapp bedeckt, meine Sonnenbrille im Jackie O Style und mein Raffaello strandweiser Schlapphut lassen mich graziös und promimässig aussehen.

 

Ich räkle mich unter Sonne Frankreichs an der Côte d‘Azur, die heissblütigen und immer flirtbereiten Franzosen umgarnen mich wie sie es einst bei Grace Kelly taten, ich nippe an einem exotischen Longdrink mit dem betörenden Namen: „L’amour pour toi“ und die berieselnde Melodie von einem Song von Carla Bruni schwebt schwerelos durch die Luft wie ein Papillon…

 

PENG!!!

 

„Sorry Schatz! Mein Wurfarm ist doch noch nicht eingerostet! Ha ha ha! Kannst du mal den Ball rüber werfen?“

 

H-A-L-L-O?

 

Wütend reibe ich meinen schmerzenden Kopf. Paul tobt mit Jamie, Luca und Lotta den Strand (nicht die Côte d‘Azur, sondern Lanzarote, Playa Blanca) entlang (Sue malträtiert neben mir die Tastatur ihres Handys und ihr iPod läuft von morgens bis abends) und sie werfen Bälle – den tattrigen Alten da drüben hätte es fast einen Kilometer nach hinten geschleudert wenn sich seine Frau, die fünfzig Jahre jünger sein muss, mit einem filmreifen Hechtsprung vor ihn geworfen hätte. Vermutlich steht sie auf die männlichen Traummasse:

80-20-42

 

80 Jahre alt

 

20 Millionen auf dem Konto

 

42 Grad Fieber

 

(vermutlich heiraten sie erst nächste Woche – bis dahin muss sie darauf achten, dass ihr Alter noch nicht ins Gras beisst, weil sonst seine Ex, die vermutlich nur vierzig Jahre jünger ist, den ganzen Zaster erbt…)

 

Sorry, bin abgeschweift (und werde schon wieder zynisch – vielleicht liebt sie ihn ja wirklich – oder so ähnlich…)

 

EGAL

 

Könnte Paul killen, dass der mich aus meinem süssen Traum geweckt hat. Da hat mich gerade ein schmacht-schmacht Typ mit Kokoscreme von unten bis oben einmassiert und…

 

VERDAMMT

 

Ob ich schnell ins Hotelzimmer verschwinde? (Natürlich ohne schmacht-schmacht Typen – selbst ist die Frau – muss sie auch irgendwann werden – spätestens wenn sie verheiratet ist und Kinder hat…)

 

„HAAAAALLLOOO! Der BAAAAAALLLL!!!“

 

RHABRHABBRHAB

 

Versuche, den Ball möglichst heftig zu werfen. Dummerweise wird er von einem Windstoss erfasst und knallt einem Typen, der lässig an der Strandbar lehnt an den Hinterkopf. Der erschrickt so, dass er sein volles Glas Bier ausleert – über einen bärtigen Kerl, der aussieht wie Bud Spencer und der sich jetzt erhebt und auf spanisch anfängt auszurufen.

 

SCHEISSE

 

Warum passiert immer mir so was und nicht anderen?

 

Der Typ, den ich getroffen habe, ist völlig perplex und guckt sich, Hinterkopf reibend um.

 

AAAALSOOO,

 

im Prinzip hät ich ja jetzt einfach gegen den Himmel und sicher in die andere Richtung geschaut – aber da steht der Typ mit der Kokosmassagecreme. Na ja, in meinem Traum hab ich sein Gesicht nicht soo genau gesehen – ABER so hätte er aussehen können.

 

SEHR SEHR ATTRAKTIV (Liebe deinen Nächsten – und wenn er hübsch und braungebrannt ist, fällt das noch leichter…)

 

Ich zeige also Zivilcourage (kann man das auch so nennen auch wenn man selber an einem Schlamassel schuld hat?) na egal; stehe auf jeden Fall auf, zupfe meinen Bikini zu Recht – der wirklich azurblau und sehr hübsch ist (als Modejournalistin kommt man manchmal an wirklich schöne Teile) und werfe mich, todesmutig (mit meinen wunderhübschen, mit Aquamarinen verzierten Pantoletten)! Zwischen den Gorilla und den Hottie – der eigentlich alt und stark genug ist sich selbst zu verteidigen, ABER schliesslich bin ich ja an seiner Misere schuld, oder?

 

„SCUSI!“

 

Die beiden Männer schauen mich verwundert an und ich stottere irdeneinen Scheiss in spanisch, französisch und englisch zusammen bis beide anfangen zu lachen.

 

HA HA HA

 

SO hab ich mir das eigentlich nicht vorgestellt. Buddie hätte, den Schwanz einziehend und den Angstschweiss auf der Stirn von dannen ziehen und Hottie  hätte mich anschmachten und danken müssen, dass ich ihn vor seinem sicheren Tod errettet habe.

 

HM. DIE KRIEGEN SICH JA GAR NICHT MEHR EIN

 

OB ICH SONNENCREMSTREIFEN IM GESICHT HABE?

 

VERDAMMT! KEIN SPIEGEL

 

Auf jeden Fall wendet sich der Bärtige bald tief lachend ab, wobei er sich das nasse Shirt auszieht.

 

DAS ist Strafe genug, glauben Sie mir! Ein Schimpanse hat weniger Haare auf dem Rücken als der da. BRR. Da werde ich sicher noch einen Albtraum davon haben!

 

Der attraktive Mann grinst mich breit an und reicht mir erst den Ball, dann die Hand und stellt sich mir als „Michel“ vor. Er ist zum Glück Deutscher und ich verstehe was er sagt.

 

„Tut mir leid wegen dem Ball“, entschuldige ich mich mit einem koketten Augenaufschlag und er winkt ab. „Schon ok. Ist ja nichts passiert. Und Buddie da drüben“, er nickt in Richtung des Bärtigen, hat sich zum Glück auch schnell beruhigt. Sonst wär ich jetzt wohl einen Kopf kürzer“. Er grinst wieder und ich hätte fast geseufzt weil er so gut aussieht.

 

„Darf ich dich auf einen Drink einladen?“

 

JA JA JA JA JA!

 

Hätte ich am liebsten gerufen, aber vorsichtshalber werfe ich mal einen Blick Richtung Strand wo Paul steht und ziemlich verdattert drein schaut.

 

HA!

 

Das hätte der wohl nicht gedacht, was? Ich strecke Brust raus und ziehe den Bauch fest ein. Selber schuld wenn der nichts Besseres zu tun hat als mir Bälle an den Kopf zu knallen.

 

„Sehr gerne“, nehme  ich die Einladung an und entscheide mich für einen Sex on the beach.

 

Michel und ich setzen uns an die Bar und gerade als ich ihn fragen will, ob er alleine hier ist, steht mein Angetrauter neben uns. Er sieht ziemlich wütend aus.

 

PFF

 

Neben ihm zanken Luca und Lotta um ein Gummitier und Jamie studiert bereits die Getränkekarte.

 

„Willst du uns deinem neuen Bekannten nicht vorstellen?“ zischt Paul.

 

„Aber natüüüüüürlich“, säusle ich und mache die Männer miteinander bekannte. Michel ist, zugegebenermassen irritiert, aber das ist mir gerade egal. Ausserdem ist Paul nicht ganz so angsteinflössend wie Buddie (und so haarig zum Glück auch nicht!)

 

Bevor ich ein weiteres Wort sagen kann, beschmeissen sich Lotta und Luca mit Sand, Jamie nippt an meinem Sex on the beach und verkündet, so was hätte er auch gerne, da kommt auch noch Sue, (in Teenagermanier ziemlich mürrisch, vermutlich stimmt die Wasser-Luft-Temperatur nicht exakt zusammen, oder das Müsli war zu trocken, oder das Frühstücksei zu gar, oder… KEINE AHNUNG! Will es auch gar nicht wissen).

 

Weil sie noch immer die Stöpsel ihres iPods in den Ohren hat, schreit sie,  dass Jamie, dieser VOLLIDIOT (…), seine beschissene (…) Cola über ihren Ersatzbikini gelehrt hat und gibt ihm einen heftigen Stoss. 

 

SIE ERAHNEN WOHL, WAS KOMMT, ODER?

 

Jamie, der noch immer meinen Drink in der Hand hält, stolpert und leert, GENAU, seinen, ähem, MEINEN Drink über Michels Schoss. Michel springt auf, wobei sein Hocker umkippt – der auf die Zehen von, GENAU, Buddie, knallt…

 

Michel wirft zehn Euro auf die Theke, drückt kurz meinen Arm und eilt davon. (Ziemlich schnell. Sehr sehr sehr schnell…)

 

SEUFZ

 

Na ja, kann man ihm wohl nicht verübeln.

 

„WER war denn DAS?“ Sue guckt verwirrt.

 

„Ein Cousin deiner Mutter“, knurrt Paul.

 

„Den kenn ich ja gar nicht.“ Sue überlegt.

 

„Das war auch ein Scherz“, knurrt Paul noch einmal.

 

„Echt? Na, dann lach ich vielleicht morgen, Paps.“ Sue trottet wieder zu ihrem Liegestuhl.

 

„Krieg ich jetzt so einen?“ will Jamie wissen und ich bedenke ihn mit einem meiner WARN-Blicken.

 

„Schon gut! War ja nur ne simple Frage!“ er rennt wieder in Richtung Strand, Lotta und Luca stolpern ihm kreischend hinter her.

 

„Tut uns sehr leid, dass wir deinen FLIRT gestört haben“, knurrt Paul erneut, aber ich verdrehe nur die Augen.

 

„Vielleicht solltest du deinen ach so starken WURFARM mal für was anderes einsetzen, mein Lieber.“

 

Mit diesen zündenden Worten (hoffe ich auf jeden Fall), lasse ich meinen Angetrauten stehen und schmeisse mich wieder auf den Liegestuhl neben Sue, die mich anguckt, grinst und flüstert: „Paps hast du es aber gezeigt! Der Typ war echt heiss!“

 

Ich muss unwillkürlich auch grinsen. „Süsse, hoffen wir, dass es was genützt hat.“

 

Zehn Minuten später. Ich döse bereits wieder und räkle mich (in Gedanken) auf einer Yacht.

 

„Schöne Frau, darf ich ihren Rücken massieren? Ich habe einen besonders starken Arm, den ich Ihnen gerne vorführen würde.“

 

Ich kichere und dann steigt mir der Duft von Kokosöl in die Nase und ich muss sagen, Pauls Arm ist wirklich schön stark.

 

Hmhm. Vielleicht sollte ich gucken, ob das wirklich Paul ist.

 

Hmhm. Egal. Es ist gerade sooooo gemütlich….

 

Liebe Grüsse aus dem sonnigen und warmen Süden

Ihre (GÄHN) Jessica Schweizer