Familie Schweizer
Ich – die Mutter – die Heldin
Jaa, ich gebe es zu! Ich bin hin und wieder zynisch und kritisch und sarkastisch und
auch ironisch, mitunter sogar Suizid-gefährdet wenn es um meinen Nachwuchs geht.
WIE KANN MAN NUR SO ETWAS SAGEN?
Denken Sie jetzt vielleicht erbost oder entrüstet.
GÄHN
Dann haben Sie wohl keine Kinder. Denn jeder, wirklich jeder mit Kindern kommt irgendwann an den Punkt, an dem er sich fragt, wo die nächste gefährlich Brücke, ein Baum mit einem starken Ast oder Schwarzhändler für Waffen ist.
Auslöser gibt es diverse:
Ich könnte die Liste wohl endlos weiterführen. Immer und immer weiter. Und ich gebe zu, ich habe mich schon oft, sehr sehr oft gefragt:
WARUM?
Echt jetzt! Ich kann mit Kunden und Firmen für Projekte und Events verhandeln, ich kann Reden vor hunderten Leuten halten, ernte Applaus, ich ernte Respekt von Firmenbossen, wenn ich auf meine Forderungen bei der Offerte verharre oder verhandle…
…aber zuhause ernte ich lediglich pampige Antworten auf simple, wirklich simple Fragen wie:
„Wo ist denn deine Badehose?“
„Frag sie doch selber?“
„Warum haust du deine kleine Schwester?“
„Weil sie doof ist.“
Und so weiter und so fort. Nun, jetzt die erfreuliche Nachricht an alle kinderlosen, die entweder blass um die Nasenspitze geworden sind, oder mich für eine neurotische, labile und völlig desillusionierte dumme Nuss halten, die mit ihren Kindern überfordert ist. (Obwohl ich beim desillusioniert beipflichten muss…)
Ich lächle jetzt nur. Erfahrungen muss schliesslich jeder selber machen…
HAHAHAHAHA (wir sprechen uns wieder…)
Okay. Ich war bei der guten Nachricht.
Wer kann schon behaupten, dass er ein Held, eine Heldin ist, weil er einen Hut aus Zeitungspapier basteln kann. Nicht mal besonders schön gebastelt.
Heute Morgen. Kurz nach acht Uhr. Mir wird eine Zeitung ins Gesicht gedrückt. Ich ignoriere es. Jemand „flüstert“ mir ins Ohr:
„Mami!“
Ich ignoriere es weiterhin. Acht Uhr ist noch zu früh am Sonntag. Leider leider und ich hatte es geahnt, wurde das „geflüsterte“ „Maaaaamii!!“ eine Oktave lauter und höher und ungeduldiger. Zusätzlich drückte mir jemand den Zeigefinger in den Oberarm. Oder bohrte ihn hinein. Ich blinzelte mit einem Auge: „Was?“
„Bitte bitte kannst du mir einen Hut aus der Zeitung machen?“
Glänzend grosse Kinderaugen (Lotta) gucken mich kein-Wässerchen-trüben-können-mässig an und als ich die Augen verdrehe, pflanzt mir meine fünfjährige Tochter die Zeitung auf den Bauch. Ich knurre. Zeigt keine Wirkung.
SEUFZ
„Ich weiss nicht, wie das geht.“ Mein letzter jämmerlicher Versuch davon zu kommen ohne schon meine nicht-vorhandenen-Bastel-Fähigkeiten unter Beweis stellen zu müssen.
„Moooommmiii! Büüüüüüttteeee! Ich weiss, dass du es kannst!“
SEUFZ ZUM ZWEITEN
Ich rapple mich knorzend auf und blinzle wiederholt. Paul tut natürlich nicht dergleichen – aber ich kann ihn grinsen spüren! Ich schwöre! Der lacht sich jetzt einen ab in seiner Decke.
Erstaunlicherweise und fragen Sie mich nicht wie und warum: Ich guck mir die Zeitung an und halte eine Minute später einen Zeitungspapierhut in der Hand. Nun, wäre wohl noch verbesserungsfähig – ABER es ist ein Hut!
In dem Moment stürmt Luca ins Zimmer, bewaffnet mit seinem Kaptain Sharky Säbel und bleibt wie angewurzelt stehen als er den Hut auf Lottas Haupt, das sie in die Höhe reckt, entdeckt.
„Von wo ist der?“ keucht er und vergisst sogar, den Hut seiner Schwester vom Kopf reissen zu wollen. (Was nicht heisst, dass das nicht noch passieren wird – vorprogrammiert wie das Amen in der Kirche…)
„Hat Mami gemacht!“ ruft Lotta und weist stolz auf mich, die sich gerade den Sand aus den Augen reibt. Trotzdem kann ich nicht verhindern, dass meine Brust anschwellt.
„Mami? Das ist ja so was von cool!!“ jubelt Lottas Zwillingsbruder und guckt mich ehrfürchtig mit seinen grossen blauen Augen an.
„Dass du sowas kannst! Ist ja mega!“
„Na ja“, murmle ich bescheiden lächelnd und lasse mich wieder in die Kissen sinken. Für einen Moment fühle ich mich wirklich wie eine Heldin. Eine Zeitungspapier-Hut-Heldin. Bis – ja bis zu dem Punkt, als ich die Augen schliesse, das Zerfetzen von Zeitungspapier höre und das Kreischen von Lotta…
…“der ist viel zu wenig stabil! Mami kann das nicht so gut! Wenn wir als Piraten kämpfen, muss der schon was aushalten! Jawohl!“
Ich habe das Gefühl, dass das nicht der letzte Hut ist, den ich an diesem Sonntag gebastelt habe. Zum Glück hat Paul die Sonntagszeitung abonniert – und zum Glück hat er auch zwei Hände…hihi
Sollen die doch zu Kaptain Jack Sparrow gehen, wenn sie Piratenhüte wollen!
Aber echt!
Einen schönen Sonntag wünsche ich Ihnen!!
Ihre Jessica Schweizer